Kapālabhāti – Lungenreinigung und Stirnhöhlenreinigung: Anleitung und Sicherheit

Kapālabhāti wird häufig mit „Schädelleuchten“, „Schädelreinigung“ oder „Stirnhöhlenreinigung“ übersetzt: kapāla bedeutet Schädel beziehungsweise Kopfregion, bhāti Glanz, Leuchten oder Strahlen. In der klassischen Haṭha-Yoga-Literatur gehört Kapālabhāti zu den sechs Reinigungsübungen, den Ṣaṭkarmas.

Dabei ist wichtig: Unter dem Namen Kapālabhāti werden in den alten Texten unterschiedliche Übungen beschrieben:

  • In der Haṭha Yoga Pradīpikā ist Kapālabhāti eine schnelle Atemübung, bei der Ein- und Ausatmung dem Blasebalg eines Schmieds gleichen.
  • In der Gheraṇḍa Saṃhitā umfasst Kapālabhāti drei Verfahren: eine Atemübung sowie zwei Wasserreinigungen der Nasen- und Kopfregion.

Die heute verbreitete Form mit kurzen, kräftigen Ausatmungen und eher passiven Einatmungen wird häufig als Kapālabhāti-Prāṇāyāma bezeichnet. Historisch wird Kapālabhāti jedoch zunächst als Reinigungsübung eingeordnet, nicht als eines der klassischen Atemanhalteverfahren.

Mann und Frau beim Üben von Kapalabhati

Inhalt: Kapālabhāti – Lungenreinigung und Stirnhöhlenreinigung

Kurz zusammengefasst

  • Bedeutung: Kapālabhāti bedeutet sinngemäß „Schädelleuchten“ oder „Reinigung der Kopfregion“. Die Übung gehört im klassischen Haṭha-Yoga zu den sechs Reinigungsverfahren, den Ṣaṭkarmas.
  • Atemform: In der heute meist gelehrten Praxis besteht Kapālabhāti aus kurzen, aktiven Ausatmungsimpulsen durch die Nase, während die Einatmung entspannt zurückströmt. Die Übung kann aktivierend wirken und die Wahrnehmung von Atem und Bauchmuskulatur schulen.
  • Klassische Varianten: Die Gheraṇḍa Saṃhitā beschreibt drei Formen von Kapālabhāti: Vāmakrama als ruhige Wechselatmung sowie Vyutkrama und Śītkrama als Reinigungsverfahren mit Wasser. Kapālabhāti ist historisch daher mehr als nur die heute bekannte Schnellatmung.
  • Lungenreinigung: Der Begriff Lungenreinigung ist yogisch-traditionell zu verstehen. Bisher ist mir keine Untersuchung bekannt, die die Entfernung von Schadstoffen aus dem Lungengewebe bestätigt. Kapalabhati ersetzt auch keine Behandlung von Atemwegserkrankungen.
  • Stirnhöhlenreinigung: Die Wasserformen betreffen vor allem Nase und Rachenraum; eine Reinigung der Stirnhöhlen im medizinisch präzisen Sinn lässt sich daraus nicht pauschal ableiten. Für Nasenspülungen ist eine geeignete Salzlösung meist verträglicher als reines Wasser.
  • Sicherheit: Die Atemform sollte nicht mit Ehrgeiz oder maximaler Kraft ausgeführt werden. Schwindel, Druckgefühl, Schmerzen oder Unwohlsein sind Signale, sofort aufzuhören und wieder normal zu atmen.
  • Wasserformen: Für jede Reinigung, bei der Wasser in die Nase gelangt, gilt: ausschließlich steriles, destilliertes oder zuvor abgekochtes und wieder abgekühltes Wasser verwenden. Gewöhnliches Leitungswasser ist für Nasenspülungen nicht sicher genug.
  • Alte Yogaschriften: Die Haṭha Yoga Pradīpikā beschreibt Kapālabhāti als schnelle, blasebalgartige Atemübung. Die Gheraṇḍa Saṃhitā erweitert den Begriff um zwei wasserbasierte Verfahren und zeigt damit, wie unterschiedlich Kapālabhāti historisch verstanden wurde.

Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.

Was bedeutet „Lungenreinigung“ bei Kapālabhāti?

Die Bezeichnung Lungenreinigung sollte nicht wörtlich-medizinisch verstanden werden. Durch kräftige Ausatmungen wird die Atemmuskulatur aktiviert; Schleim in den oberen Atemwegen kann sich gegebenenfalls leichter lösen, und die Atmung kann sich anschließend freier anfühlen.

Dennoch würde u.a. ein Lungenarzt mahnend formulieren: Die Übung „reinigt“ nicht die Lungen von Schadstoffen, ersetzt keine medizinische Behandlung und heilt keine Atemwegserkrankungen.

Die klassische Aussage lautet vielmehr, dass Kapālabhāti Beschwerden beseitige, die in der damaligen Körperlehre mit Kapha beziehungsweise Schleim verbunden wurden. Die Haṭha Yoga Pradīpikā beschreibt Kapālabhāti entsprechend als eine Übung, die „Störungen durch Schleim“ vermindere.

Praktizierst du Kapalabhati in Form der Atemübung?

 

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Was bedeutet „Stirnhöhlenreinigung“ bei Kapālabhāti?

Als Stirnhöhlen- beziehungsweise Kopfregionreinigung erscheint Kapālabhāti besonders deutlich in der Gheraṇḍa Saṃhitā. Dort werden zwei Verfahren beschrieben, bei denen Wasser durch Nase und Mund geleitet wird:

  • Vyutkrama: Wasser wird durch die Nasenöffnungen aufgenommen und durch den Mund wieder ausgeschieden.
  • Śītkrama: Wasser wird durch den Mund aufgenommen und durch die Nase ausgestoßen.

Diese Verfahren ähneln einer Nasenspülung, sind jedoch anspruchsvoller als die heute übliche Anwendung einer Nasendusche. Medizinisch sinnvoll ist die Formulierung, dass eine korrekt durchgeführte Nasenspülung Schleim, Staub und Allergene aus den Nasengängen entfernen und bei verstopfter Nase oder bestimmten Beschwerden Linderung verschaffen kann. Sie garantiert jedoch keine vollständige Spülung der Stirnhöhlen.

Bei allen wasserbasierten Nasenreinigungen darf ausschließlich steriles, destilliertes oder zuvor abgekochtes und wieder abgekühltes Wasser verwendet werden. Unbehandeltes Leitungswasser kann beim Einbringen in die Nase seltene, aber schwere Infektionen verursachen.

„Stirnhöhlenreinigung“ ist in der Gheraṇḍa Saṃhitā nicht ausschließlich Kapālabhāti zugeordnet. Neben den wasserbasierten Kapālabhāti-Formen beschreibt der Text mit Kapālarandhra Dhauti eine eigene Reinigung der Stirn- beziehungsweise oberen Kopfregion.

Ausführung: die heute verbreitete Atemform von Kapālabhāti

Diese Form eignet sich als vorsichtiger Einstieg. Sie entspricht der heutigen Unterrichtspraxis und steht der schnellen, blasebalgartigen Kapālabhāti-Beschreibung der Haṭha Yoga Pradīpikā nahe.

Vorbereitung

Setze dich aufrecht und stabil hin, beispielsweise im Schneidersitz, Fersensitz oder auf einem Stuhl. Der Rücken bleibt lang, Schultern und Gesicht entspannt. Der Bauch sollte nicht durch enge Kleidung eingeengt sein. Praktiziere möglichst nicht unmittelbar nach einer größeren Mahlzeit.

Die Übung erfolgt durch die Nase. Ist die Nase stark verstopft, schmerzhaft gereizt oder entzündet, sollte die Übung ausgesetzt werden.

Durchführung

  1. Atme zunächst einige Male ruhig durch die Nase ein und aus.
  2. Atme normal ein.
  3. Ziehe die Bauchdecke kurz und deutlich nach innen. Dadurch wird die Luft kräftig, aber nicht gewaltsam durch die Nase ausgestoßen.
  4. Entspanne unmittelbar danach die Bauchdecke. Die Einatmung geschieht dadurch weitgehend von selbst.
  5. Wiederhole diesen Ablauf zunächst langsam und gleichmäßig.

Für Einsteiger reichen etwa 10 bis 20 Ausatmungsimpulse in einem gemächlichen Rhythmus, beispielsweise ungefähr ein Impuls pro Sekunde. Anschließend atmest du ruhig nach und beobachtest, wie sich der Atem anfühlt. Ein bis drei Durchgänge sind für den Anfang ausreichend.

Entscheidend für die Technik

Die Ausatmung ist aktiv, die Einatmung erfolgt möglichst entspannt und automatisch. Der Bauch arbeitet, während Brustkorb, Schultern, Hals und Gesicht weitgehend ruhig bleiben.

Die heute verbreitete Atemtechnik mit aktiver Ausatmung und passiver Einatmung ist nicht wortwörtlich die Beschreibung der Haṭha Yoga Pradīpikā. Der klassische Vers nennt rasche Aus- und Einatmungen wie bei einem Schmiedeblasebalg. Die ausdrückliche Definition „aktive Ausatmung, passive Einatmung“ findet sich in modernen Übungsprotokollen, etwa im Common Yoga Protocol des indischen Ministry of AYUSH.

Es wird kein Atem angehalten. Atemanhalten, Bandhas oder sehr schnelle Serien gehören nicht in eine erste Anleitung und sollten nur unter kompetenter Anleitung gelernt werden.

Video-Ausführungen zur Ausübung

Youtube-Video

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Ausführung nach der Gheraṇḍa Saṃhitā: Vāmakrama

Die Atemvariante der Gheraṇḍa Saṃhitā unterscheidet sich von der heute meist gelehrten Bauchpumpen-Technik. Sie wird dort Vāmakrama genannt.

Durchführung

  1. Sitze aufrecht und ruhig.
  2. Atme durch das linke Nasenloch ein.
  3. Atme durch das rechte Nasenloch aus.
  4. Atme anschließend durch das rechte Nasenloch ein.
  5. Atme durch das linke Nasenloch aus.
  6. Fahre in dieser Weise ruhig fort.

Bemerkenswert ist, dass die Gheraṇḍa Saṃhitā ausdrücklich anweist, diese Ein- und Ausatmungen ohne Kraftanstrengung auszuführen. Damit ist Vāmakrama eher eine ruhige Wechselatmung zur Reinigung als die heute oft unter Kapālabhāti gelehrte kräftige Stoßatmung. In der älteren englischen Übersetzung von Śrīś Chandra Vasu findet sich diese Beschreibung in Kapitel I, Vers 57–58; in vielen neueren Zählungen entspricht dies I.56–57.

Ausführung der wasserbasierten Stirnhöhlenreinigung

Die beiden folgenden Verfahren sind historisch interessant, aber deutlich anspruchsvoller als eine normale Nasendusche. Für die praktische Anwendung ist eine Einführung durch eine erfahrene Lehrperson sinnvoll.

Vyutkrama Kapālabhāti

Bei Vyutkrama wird lauwarmes, geeignetes Wasser vorsichtig durch die Nase aufgenommen und anschließend durch den Mund wieder ausgespuckt.

Die Gheraṇḍa Saṃhitā beschreibt die Übung knapp: Man ziehe Wasser durch die beiden Nasenöffnungen ein und lasse es langsam durch den Mund wieder austreten. Das Verfahren soll nach klassischer Auffassung Schleimstörungen beseitigen. In Vasus Ausgabe steht diese Passage in Kapitel I, Vers 59; in neueren Zählungen meist I.58.

Śītkrama Kapālabhāti

Bei Śītkrama verläuft der Weg des Wassers umgekehrt: Wasser wird durch den Mund aufgenommen und durch die Nase wieder herausgeführt.

Diese Variante erfordert deutlich mehr Kontrolle im Nasen-Rachen-Raum. Sie ist für Anfänger nicht geeignet und sollte nicht allein anhand einer schriftlichen Anleitung ausprobiert werden. Die Gheraṇḍa Saṃhitā nennt sie in Vasus Ausgabe Kapitel I, Vers 60–61; in vielen neueren Ausgaben I.59–60.

Sichere Wasserverwendung

Für Vyutkrama, Śītkrama und ebenso für die gewöhnliche Nasendusche gilt:

  • Verwende ausschließlich destilliertes, steriles oder abgekochtes und wieder abgekühltes Wasser.
  • Das Wasser sollte angenehm lauwarm sein.
  • Für Nasenspülungen ist eine physiologisch verträgliche Salzlösung in der Regel angenehmer als reines Wasser.
  • Gefäß, Hände und Umgebung müssen sauber sein.
  • Bei Schmerzen, starkem Brennen, Ohrdruck, Nasenbluten oder anhaltenden Beschwerden wird die Übung beendet.

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Vorteile von Kapālabhāti

Traditionell beschriebene Wirkungen

Die klassischen Yogatexte verbinden Kapālabhāti vor allem mit der Verringerung von Kapha, also von Schleim, Schwere und Trägheit. Die Haṭha Yoga Pradīpikā beschreibt die Übung als „Zerstörerin“ schleimbezogener Beschwerden. Die Gheraṇḍa Saṃhitā schreibt sowohl den Atem- als auch den Wasserformen entsprechende Wirkungen zu.

Im traditionellen Übungssystem dient Kapālabhāti außerdem als Vorbereitung auf weiterführende Atemübungen. Die Haṭha Yoga Pradīpikā ordnet die sechs Reinigungsübungen vor der intensiveren Prāṇāyāma-Praxis ein.

Praktisch nachvollziehbare Wirkungen der Atemform

Bei korrekt dosierter Ausführung kann die Atemform:

  • die Wahrnehmung der Bauch- und Atemmuskulatur verbessern,
  • die aktive Ausatmung schulen,
  • kurzfristig ein Gefühl von Wachheit und Klarheit vermitteln,
  • gegebenenfalls Sekret in den oberen Atemwegen leichter mobilisieren,
  • die anschließende ruhige Atmung bewusster erfahrbar machen.

Eine neuere Übersichtsarbeit zu Kapālabhāti berichtet zwar Hinweise auf Verbesserungen verschiedener Parameter, unter anderem der Lungenfunktion und Aufmerksamkeit; die Studienlage ist jedoch heterogen und rechtfertigt keine weitreichenden Heilversprechen.

Praktisch nachvollziehbare Wirkungen der Wasserformen

Eine sachgemäß durchgeführte Nasenspülung kann:

  • Schleim aus den Nasengängen entfernen,
  • Krusten und Staub lösen,
  • bei Allergenen in der Nase unterstützend wirken,
  • bei verstopfter Nase ein Gefühl freierer Nasenatmung ermöglichen.

Diese Aussagen beziehen sich auf die medizinisch besser untersuchte Nasenspülung mit Salzlösung, nicht speziell auf die historischen Verfahren Vyutkrama oder Śītkrama.

Was man nicht versprechen sollte

Kapalābhāti ist keine nachgewiesene Entgiftungsmethode. Die Übung reinigt nicht nachweislich die Lunge von Umweltgiften, beseitigt keine chronischen Erkrankungen und ersetzt weder ärztliche Diagnostik noch eine medizinisch notwendige Therapie.

Warum können bei Kapālabhāti Schwindel oder Kribbeln auftreten?

Kapālabhāti gehört in seiner kräftigen modernen Form zu den schnellen Atemtechniken. Wird zu schnell, zu lange oder zu intensiv geatmet, kann mehr Kohlendioxid abgeatmet werden als gewöhnlich. Ein vorübergehend erniedrigter Kohlendioxidgehalt im Blut kann Beschwerden wie Schwindel, Kribbeln, Benommenheit, innere Unruhe oder ein Gefühl von Kopfdruck begünstigen. Eine neuere wissenschaftliche Übersicht zu stark ventilierenden Atempraktiken behandelt Kapālabhāti entsprechend als Form schneller Atmung, bei der Hypokapnie, also ein Absinken des Kohlendioxids, physiologisch relevant sein kann.

Wann sollte man Kapālabhāti nicht ausführen?

Vorsicht oder Verzicht bei der kräftigen Atemform

Die schnelle Atemform sollte nicht oder nur nach fachkundiger Rücksprache praktiziert werden bei:

  • akuten Atemwegsinfekten, Fieber oder starker Nasennebenhöhlenentzündung,
  • Asthma-Anfall oder akuter Verschlechterung einer chronischen Lungenerkrankung,
  • unkontrolliertem Bluthochdruck oder relevanten Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
  • Schwangerschaft,
  • frischen Operationen im Bauch-, Brust- oder Beckenbereich,
  • Leistenbruch, Nabelbruch oder ausgeprägter Rektusdiastase,
  • starken Unterleibsbeschwerden,
  • Neigung zu Schwindel, Ohnmacht oder Panikreaktionen durch schnelle Atmung,
  • bekannten Augenproblemen, bei denen Druckschwankungen vermieden werden sollen, beispielsweise Glaukom, sofern keine ärztliche Freigabe vorliegt.

Sehr intensive Kapālabhāti-Praxis ist nicht risikofrei: In der medizinischen Literatur wurde unter anderem ein seltener Fall eines spontanen Pneumothorax nach exzessiver Kapālabhāti-Praxis beschrieben.

Vorsicht oder Verzicht bei den Wasserformen

Vyutkrama und Śītkrama sollten nicht ausgeführt werden bei:

  • vollständig verstopfter Nase,
  • akuter Mittelohrentzündung, Ohrenschmerzen oder starkem Ohrdruck,
  • ausgeprägtem Nasenbluten,
  • frischen Operationen an Nase oder Nebenhöhlen, sofern keine medizinische Freigabe vorliegt,
  • akuten starken Schmerzen im Bereich der Nebenhöhlen,
  • fehlender praktischer Anleitung, insbesondere bei Śītkrama.

Die Wasserformen dürfen niemals mit ungeeignetem Leitungswasser durchgeführt werden. FDA und CDC weisen ausdrücklich darauf hin, dass für Nasenspülungen nur steriles, destilliertes oder zuvor abgekochtes Wasser verwendet werden soll.

Variationen von Kapālabhāti

Sanftes Kapālabhāti für Einsteiger

Die Ausatmungen werden langsam und nur mäßig kräftig ausgeführt. Statt vieler Wiederholungen genügen zunächst 10 kurze Ausatmungen, gefolgt von einer Ruhephase. Diese Form eignet sich besser zum Erlernen der Bauchbewegung als ein schneller Einstieg.

Kapālabhāti mit mehreren Runden

Geübte können mehrere Durchgänge praktizieren, beispielsweise drei Runden mit jeweils kurzen Pausen. Entscheidend ist, dass Atmung, Gesicht und Nervensystem ruhig bleiben und kein Leistungsdruck entsteht.

  • Vāmakrama nach der Gheraṇḍa Saṃhitā
    Diese historische Variante arbeitet mit wechselseitiger Nasenatmung und ausdrücklich ohne Kraft. Sie ist deutlich sanfter als die moderne Stoßatmung.
  • Vyutkrama
    Wasser wird durch die Nase aufgenommen und durch den Mund abgegeben. Historisch gehört diese Form zum Kapālabhāti-Komplex; praktisch steht sie der Nasenreinigung nahe.
  • Śītkrama
    Wasser wird durch den Mund aufgenommen und durch die Nase herausgeführt. Diese Variante ist fortgeschritten und nicht für eine unbeaufsichtigte Erstpraxis geeignet.

Häufige Fehler und wie man sie vermeidet

  • Die Einatmung wird ebenfalls kräftig gezogen
    Bei der heute verbreiteten Kapālabhāti-Form soll vor allem die Ausatmung aktiv sein. Wer nach jedem Atemstoß kräftig Luft einzieht, macht die Übung unnötig anstrengend und nähert sie einer forcierten Blasebalgatmung an.
    Besser: Den Bauch nach jeder Ausatmung entspannen und die Einatmung von selbst entstehen lassen.
  • Schultern, Gesicht und Brustkorb verkrampfen
    Viele Anfänger bewegen bei jeder Ausatmung die Schultern, verziehen das Gesicht oder pressen im Hals.
    Besser: Die Bewegung möglichst auf die Bauchdecke begrenzen. Gesicht, Kehle, Kiefer und Schultern bleiben weich.
  • Die Ausatmungen werden mit maximaler Kraft ausgeführt
    Kapālabhāti ist keine Kraftprobe. Zu starkes Pressen kann Schwindel, Kopfdruck, Nasenreizung oder unangenehmen Druck im Bauch- und Beckenbereich auslösen.
    Besser: Erst Präzision, dann allenfalls langsam die Dauer erhöhen. Die Übung soll deutlich, aber kontrolliert bleiben.
  • Zu hohe Geschwindigkeit am Anfang
    Schnelle Serien verdecken häufig technische Fehler. Der Übende verliert die entspannte Einatmung und beginnt zu hecheln oder zu pressen.
    Besser: Mit einem langsamen Rhythmus beginnen, etwa einem Atemstoß pro Sekunde oder noch langsamer.
  • Kapālabhāti wird trotz Schwindel weitergeführt
    Leichter ungewohnter Atemreiz kann vorkommen; deutlicher Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Druckgefühl oder Unwohlsein sind jedoch Zeichen zum Abbrechen.
    Besser: Sofort normal weiteratmen und die Übung erst bei einer späteren Gelegenheit deutlich sanfter wieder aufnehmen.
  • Die Wasserreinigung wird mit Leitungswasser durchgeführt
    Dies ist ein besonders wichtiger Sicherheitsfehler.
    Besser: Nur steriles, destilliertes oder abgekochtes und abgekühltes Wasser verwenden.
  • Vyutkrama oder Śītkrama werden erzwungen
    Wer Wasser unter Druck in die Nasengänge zwingt oder trotz Schmerzen weitermacht, riskiert Reizungen und Beschwerden im Bereich von Nase und Ohren.
    Besser: Wasserverfahren nur langsam, sauber und möglichst unter Anleitung erlernen; bei Widerstand oder Schmerz abbrechen.

Kapālabhāti in alten Yogaschriften

Haṭha Yoga Pradīpikā

Die Haṭha Yoga Pradīpikā des Svātmārāma, gewöhnlich in das 15. Jahrhundert datiert, zählt Kapālabhāti zu den sechs Reinigungsübungen.

Einordnung unter die Ṣaṭkarmas

In Haṭha Yoga Pradīpikā II.22 werden die sechs Reinigungsübungen genannt:

  • Dhauti
  • Basti
  • Neti
  • Trāṭaka
  • Nauli
  • Kapālabhāti

Beschreibung der Übung

Die konkrete Kapālabhāti-Anweisung findet sich je nach Ausgabe in II.35 beziehungsweise II.36. Die unterschiedliche Zählung entsteht durch abweichende Editionsweisen.

Der Sanskrit-Vers lautet:

bhastrāval lohakārasya reca-pūrau sasambhramau |
kapālabhātir vikhyātā kapha-doṣa-viśoṣaṇī ||

02-35 Wie der Blasebalg bei einem Hufschmied atmet der Yogi sehr schnell ein und aus. Kapalabhati verscheucht die Trägheit (Störungen des Schleims) eines Menschen vollkommen.

Sinngemäß: Ein- und Ausatmung werden rasch ausgeführt wie der Blasebalg eines Schmieds. Dies wird Kapālabhāti genannt und gilt als Mittel gegen Störungen, die mit Schleim beziehungsweise kapha verbunden werden.

Bedeutung für die Einordnung

Die Haṭha Yoga Pradīpikā beschreibt Kapālabhāti ausschließlich als Atemverfahren. Wasserbasierte Varianten werden an dieser Stelle nicht erläutert.

Gheraṇḍa Saṃhitā: Kapalabhati als Nasen-/Stirnhöhlenreinigung

Die Gheraṇḍa Saṃhitā, ein späterer klassischer Text des Haṭha-Yoga, behandelt Kapālabhāti ausführlicher und unterscheidet drei Formen.

Die Verszählung weicht zwischen Ausgaben leicht voneinander ab:

InhaltÄltere Übersetzung von Śrīś Chandra VasuHäufige neuere Zählung
Drei Arten von Kapālabhāti I.56 I.55
Vāmakrama: Wechselatmung I.57–58 I.56–57
Vyutkrama: Wasser Nase → Mund I.59 I.58
Śītkrama: Wasser Mund → Nase I.60–61 I.59–60

Die drei Formen

Die Gheraṇḍa Saṃhitā nennt:

  • Vāmakrama: Einatmen durch ein Nasenloch, Ausatmen durch das andere, danach in umgekehrter Richtung; ausdrücklich ohne Kraft.
  • Vyutkrama: Wasser wird durch die Nase aufgenommen und durch den Mund abgegeben.
  • Śītkrama: Wasser wird durch den Mund aufgenommen und durch die Nase ausgestoßen.

Allen drei Formen wird im Text eine Wirkung gegen Schleim beziehungsweise kapha zugeschrieben.

Gheranda Samhita, Kapitel I, Vers 55: Kapalabhati, die Reinigung der Stirnhöhle (auch Bhalabhati, bhala-bhatih = Stirn-Glanz; oder Kapälabhäti), soll – je nachdem – auf drei Unterarten geübt werden: Vatakrama(vama-kramah, vama-kramena = Links-Gang), Vyutkrama (vyut-kramah = Rückwärts-Gang) und Sitkrama (sit-kramah = Schlürf-Gang). So beseitigt man Schleim-(oder Phlegma-)Leiden.

Vama-Krama

Laut dieser Übersetzung sind die folgenden zwei Verse Vama-Krama:

I-56: Man atme durch Ida (das linke Nasenloch) ein und durch Pingala (rechtes Nasenloch) aus, dann wieder durch rechts ein und durch links wieder aus.

I-57: Man mache die Ein- und Ausatmung sanft (nicht mit Gewalt); so beseitigt diese Yoga-Praxis die Schleim-(Phlegma-)Leiden.

Dieser Teil von Kapalabhati gleicht der Wechselatmung.

Vyut-Krama

Wieder nach obiger Quelle folgt dann Vyut-Krama:

I-58: Sauge Wasser mit der Nase ein und entleere es wieder durch den Mund. Dies ist Vyut-Krama, der Rückwärts-Gang. So trinkend, beseitigt man das Schleim-(Phlegma-)Leiden.

Sit-Kramah

Dann folgt Sit-Kramah:

I-59: Schlürfend (ist machend) trinke man Wasser mit dem Mund und entleere es durch die Nasenlöcher. Durch diese Praxis wird man einem kama-devah (Liebesgott) gleich.

I-60: So setzt kein Greisentum und kein Fieber ein, es entsteht ein freier Körper (=nach eigenem Willen), das Schleim-(Phlegma-)Leiden wird beseitigt.

Hier endet übrigens das erste Kapitel der Gheranda Samhita.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Texten

Die alten Quellen beschreiben nicht einfach ein einziges, eindeutig festgelegtes Kapālabhāti:

  • Die Haṭha Yoga Pradīpikā lehrt eine schnelle, blasebalgartige Atemreinigung.
  • Die Gheraṇḍa Saṃhitā versteht Kapālabhāti als Oberbegriff für drei Reinigungsformen, darunter zwei mit Wasser.
  • Die heute verbreitete Methode mit aktiver Ausatmung und passiver Einatmung ist eine moderne Standardisierung, die sich an der Atemreinigungs-Tradition orientiert, aber nicht wortgleich der Beschreibung der Gheraṇḍa Saṃhitā entspricht.

Kurzfazit

Kapālabhāti ist im klassischen Haṭha-Yoga eine Reinigungspraxis für die Kopf- und Atemregion. Als Atemübung arbeitet sie mit schnellen oder kräftig betonten Ausatmungen und kann ein Gefühl von Wachheit und freierer Atmung fördern. Als Stirnhöhlenreinigung umfasst sie in der Gheraṇḍa Saṃhitā außerdem zwei Wasserverfahren, Vyutkrama und Śītkrama.

Für eine heutige, verantwortungsvolle Darstellung ist entscheidend: Kapālabhāti kann als yogische Reinigungs- und Atemübung erläutert werden, sollte aber nicht als medizinisch nachgewiesene „Entgiftung“ oder als Therapie für Lungen- und Nebenhöhlenerkrankungen beworben werden. Besonders bei den Wasserformen sind Hygiene, geeignetes Wasser und fachkundige Anleitung unverzichtbar.trenner blanko

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Im Zusammenhang interessant

Interessante Facts zu Kapālabhāti 

  •  Das offizielle indische Übungsprotokoll ist bei Einsteigern zurückhaltender, als manche Videos im Internet vermuten lassen. Es empfiehlt Anfängern bis zu drei Runden mit jeweils 20 Atemimpulsen und fordert, Brustkorb und Schultern möglichst ruhig zu halten. Quelle: Ministry of AYUSH: Common Yoga Protocol, S. 27–28, PDF
  • Die wissenschaftliche Forschung zu Kapālabhāti ist jünger und kleiner, als die lange Tradition vermuten lässt. Eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2025 wertete randomisierte Studien von 2014 bis 2024 zu Atem- und kognitiven Wirkungen aus; die Autoren sehen Hinweise auf interessante Effekte, betonen aber, dass die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht zuverlässig geklärt sind. Quelle: PubMed: Yogic Bellows, Neural Sparks – systematic review

Übersicht Reinigungsrituale im Yoga

Geschrieben von

Peter Bödeker
Peter Bödeker

Peter hat Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit seinem Berufseinstieg im Bereich Internet und Publizistik. Nach seiner Tätigkeit im Agenturbereich und im Finanzsektor ist er seit 2002 selbständig als Autor und Betreiber von Internetseiten. Als Vater von drei Kindern treibt er in seiner Freizeit gerne Sport, meditiert und geht seiner Leidenschaft für spannende Bücher und ebensolche Filme nach. Zum Yoga hat in seiner Studienzeit in Hamburg gefunden, seine ersten Lehrer waren Hubi und Clive Sheridan.

https://www.yoga-welten.de

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